Als Peter nicht nach Hause kam (1)

Kapitel 1: Am Heimweg von der Schule

Es war knapp vor zwölf Uhr mittags, als Peter und Klaus mit ihren Klassenkameraden aus dem Schultor stürmten. Bis zur nächsten Straßenkreuzung hatten die beiden Freunde den gleichen Weg und gingen nun gemächlich zusammen weiter.
»Um zwei Uhr will Mutti mit uns zum Baden fahren«, sagte Peter; »sei pünktlich und vergiss den Wasserball nicht!«
»Der ist immer bei meinem Badezeug. Viertel vor zwei Uhr bin ich bei dir!« rief Klaus und rannte, da die Ampel gerade auf Grün umsprang, schnell über die Straße.
Peter ging geradeaus weiter bis an die nächste Straßenecke, wo jeden Tag Vaters Auto auf ihn wartete, um ihn schnell nach Haus zu bringen. Vater wurde erst eine halbe Stunde später aus der Fabrik abgeholt. Der Junge wunderte sich, dass der Motor bereits lief und der Fahrer Max, mit dem er gut Freund war und der sonst immer neben dem Wagen stand und nach ihm Ausschau hielt, sich heute zusammengekrümmt unterm Lenkrad zu schaffen machte.
»Ist etwas kaputt?« fragte Peter, während er in den Wagen stieg. Doch ehe er sich noch richtig hingesetzt hatte, fuhr der Wagen an, und der Mann, der sich hinter dem Lenkrad aufgerichtet hatte, war nicht Max, sondern trug unter der blauen Fahrermütze große, dunkle Brillen und einen Bart, der nicht viel vom Gesicht frei ließ. Er beachtete Peter nicht und gab ihm keine Antwort.
Im gleichen Augenblick tauchte auf dem Rücksitz noch ein bebrillter, bärtiger Mann auf und packte Peter von hinten an den Schultern.
»Das ist doch unser Auto, wo ist Max?« rief der Junge erschrocken.
»Schnauze!« brummte der Mann und drückte ihn fest auf seinen Sitz nieder, »mach keine Umstände, dann geschieht dir nichts.«
»Ich will hinaus, halt, halt, lassen Sie mich aussteigen!« schrie Peter.
»Du bist jetzt mäuschenstill, verstanden? Und wenn du dich nochmal muckst, dann passiert etwas!« drohte der Mann am Rücksitz und hielt Peters Oberarme dicht unter den Schultern mit eisernem Griff fest, so dass er sich nicht rühren konnte.
Peter begann zu begreifen. Man wollte ihn entführen und vom Vater Lösegeld fordern, wie man das jetzt öfter hörte. Von Panik gepackt, schielte er nach dem Türgriff, aber er konnte den Arm nicht bewegen, um ihn zu erreichen. Er sah keine Möglichkeit zu entkommen. In seiner Angst begann er zu überlegen und versuchte, sich die Straßen zu merken, durch die sie fuhren.
Dicht neben dem Auto auf dem Bürgersteig wogte der übliche lebhafte Mittagsverkehr. Ahnungslos hasteten die Menschen vorüber zum Mittagessen und niemand beachtete das verzweifelte Bubengesicht hinter der Wundschutzscheibe des großen Wagens.
Kann mir denn niemand helfen? dachte Peter und versuchte, vorsichtig die Hand zu heben, um den Entgegenkommenden ein Zeichen zu geben. Doch sobald er sich nur leise bewegte, packten die Hände an einen Schulter fester zu und eine heisere Stimme zischte ihm Drohend ins Ohr: »Versuche das nicht noch mal, hörst du?«
Bald wurde Peter die Gegend, durch die sie fuhren, immer fremder. Überall säumten die gleichen hohen Vorstadthäuser die Straßen, es gab nirgends ein auffallendes Gebäude oder einen größeren Platz. Plötzlich lenkte der Fahrer den Wagen durch eine offene Einfahrt in einen weiten Hof, der ringsum von hohen Lageschuppen umgeben war.
Der Wagen hielt vor einem offenen Schuppentor, wo ein grüner Volkswagen wartete.
»Umsteigen und Schnauze halten!« befahl der Mann am Rücksitz, riss die Wagentür auf und führte Peter schnell zu dem Volkswagen hinüber. Jetzt musste er sich zu dem Mann auf den Rücksitz in die Ecke setzen. Vor dem Seitenfenster hing ein Mantel, so dass er nicht hinaussehen konnte.
»Halt still!« sagte der Bärtige und zog Peter eine dunkle Kapuze über den Kopf. Der Junge versuchte sich zu wehren, doch als er einen derben Stoß in die Seite bekam, gab er jeden Widerstand auf.
Es musste jetzt noch ein dritter Mann eingestiegen sein, der vorne mit dem Fahrer flüsterte. Peter konnte unter der dicken Kapuze, die ihm bis auf die Schultern reichte, nicht viel verstehen, doch entnahm er dem Gespräch, dass sie zu dem Mann neben ihm »Boss« sagten.
Der Wagen fuhr sofort ab, und Peter merkte, dass sie wieder auf der Straße waren. Unter der Kapuze wurde ihm unerträglich heiß. Er versuchte, sie ein wenig vom Hals wegzuschieben, doch gleich riss ihm der Mann an seiner Seite die Hände herunter.
»Stillhalten, Bürschchen, sonst erlebst du was!« schrie er, holte eine Schnur aus der Tasche, zog dem Jungen die Arme auf den Rücken und band sie an den Handgelenken zusammen.
»Was machen Sie mit mir?« rief Peter verzweifelt.
»Wenn du vernünftig bist, geschieht dir nichts; in ein paar Tagen wirst du wieder zuhause sein, falls dein Alter richtig spurt«, entgegnete der Mann grob.
Peter kamen die Tränen. Leise schluchzte er unter der Kapuze vor sich hin. Niemand beachtete ihn weiter.

Weiterlesen: Kapitel 2

Sonntag, 23. September 2007, 18:20 Uhr
Abgelegt unter: Serien, Als Peter nicht nach Hause kam


3 Kommentare

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Mutter

Nanana, bisher hattest du immer eigene Texte veröffentlicht, oder? Aber bitte aktualisiere ein paar Dinge. Oder nein, vielleicht liegt der Reiz der Geschichte in dem nostalgischen Touch. Käfer und Opel Kapitän, ach, was waren das damals noch für Zeiten….

23.09.2007, 23:13DIREKT ANTWORTEN


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Johannes

Das bietet sich nur so schön an: Die notwendige Digitalisierung der Schriftstücke und das Befüllen meines Weblogs. :-)

24.09.2007, 10:07WEBSITEDIREKT ANTWORTEN


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Johannes

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16.10.2007, 01:45WEBSITEDIREKT ANTWORTEN


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